Georgi Dimitroff: Der Richtige Weg (1918)

Die kolossale Kraft, die dem Proletariat auf Grund seiner bestimmenden und unersetzlichen Rolle in der modernen Produktion als Schöpfer aller gesellschaftlichen Güter sowie auf Grund seiner alltäglich steigenden Anzahl innewohnt, ist eine längst bekannte und unbestreitbare Tatsache.

Indem einerseits durch die ununterbrochene Konzentration der Produktion, die sich entwickelnde moderne Technik und die gnadenlosen kapitalistische Konkurrenz die alten Produktionsformen und –methoden zerstört und die Masse der selbstständigen Kleinbauern und Produzenten enteignet werden und andererseits der ganze Produktionsprozeß in die Hände des Proletariats verlagert wird, wachsen und verdichten sich seine Reihen immer mehr und derart, kraft der objektiven Entwicklung selbst. Es erreicht die Position der einzig produktiven, zahlreichsten und mächtigsten gesellschaftlichen Klasse.

Trotz dieser historischen Tatsache aber krümmt sich der Rücken des Proletariats während vieler Jahrzehnte und bis heute unter dem Joch des kapitalistischen Produktionssystems und der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, unterworfen, ausgebeutet und entrechtet von den herrschenden Klassen, die das Kapital besitzen.

Die bloße Existenz der gewaltigen spontanen Kraft des Proletariats, die in seiner ökonomischen Rolle und Vielzahl besteht, genügt jedoch allein keineswegs, um es zu befreien, um es zum absoluten Herrn seines Schicksals und zur Klasse, die der Größe ihrer historischen Mission würdig ist zu verwandeln.

Er ist erforderlich, die reale gesellschaftliche und politische Kraft des Proletariats auf dieser objektiven Grundlage aufzubauen, um es, wie sich Marx im Jahre 1848 äußerte, durch den entschlossenen Kampf für die Umgestaltung der kapitalistischen Gesellschaft in eine Klasse für sich zu verwandeln.

Die großen Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus Marx und Engels haben bereits vor siebzig Jahren in ihrem berühmten Kommunistischen Manifest diesen einzig richtigen Weg zur Befreiung des Proletariats – den Weg des Klassenkampfes des Proletariats vorgezeichnet und wissenschaftlich erläutert. Indem sie die damaligen Verführer der Arbeiter, die vielartigen bürgerlichen und Salonsozialisten grausam geißelten, nannten sich Marx und Engels, um sich von ihnen zu unterscheiden, Kommunisten und gaben ihrem historischen Aufruf an das internationale Proletariat den Namen Kommunistisches Manifest.

Heute fällt der Festtag der Arbeit mit dem siebzigsten Jahrestag der Niederschrift des Kommunistischen Manifests (1848-1918) und mit dem hundertsten Jahrestag der Geburt Karl Marx‘ (1818-1918) zusammen, und an diesem Tag fühlen wir wie die Schlußworte des Kommunistischen Manifests – Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! – von den Menschen der ganzen Welt aufgegriffen werden.

Mit großer Zufriedenheit und innerer Genugtuung dürfen wir betonen, daß das sozialistische Proletariat in unserem Lande nicht vom geraden Weg abgekommen ist. Es hat die Sache der Freiheit und die Ideale des internationalen Proletariats nicht verraten.

Es war nicht geneigt, seine gemeinsamen und ständigen Lebensinteressen, seine Prinzipien, sein Programm, seine Zukunft für geringe zeitweilige Vorzüge, für eine Schüssel Linsen zu opfern.

Die Sozialdemokratische Partei und die Arbeitergewerkschaften sind erstarkt. Ihre Kampfmittel haben sich vermehrt. Ihr Presseorgan hat heute, trotz allem, eine dreifach größere Verbreitung.

Die Sozialdemokratie hat im Parlament und in den Gemeinden ihre Pflicht ehrenvoll erfüllt, indem sie bestrebt war, die Lage der werktätigen Massen womöglich mehr zu erleichtern und durch Arbeitsgesetze und eine Reihe anderer Maßnahmen sie vor einer physischen und seelischen Degenerierung zu bewahren.

Und gerade auf diesem Wege muß auch in Zukunft fester und entschlossener vorwärtsgeschritten werden.

Am Horizont des 1. Mai zeichnen sich bereits klar die nahen Perspektiven der neuen und noch mächtigeren Einheit des Weltproletariats in seinem Klassenkampf gegen den Kapitalismus ab.

 

aus: „Rabotnitscheski Vestnik“, Nr. 273 vom 1. Mai 1918

zitiert nach: Dimitroff, Georgi: Ausgewählte Werke in drei Bänden. Erster Band, Frankfurt/Main: Verlag Marxistische Blätter 1976, S. 86-88.

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