Gedanken zum Bildungsstreik

Protest?von Alan Ruben van Keeken (dielinke.SDS Gießen)

Die politischen Zielvor-stellungen, Richtungen und persönlichen Motive, aus denen junge Menschen heraus in den Bildungsstreik treten, sind höchst heterogen und offenbaren analog zu der Individualisierung und Vereinzelung des Subjekts in der jetzigen Gesellschaft ein Kaleidoskop aus teils divergierenden, teils sich überschneidenden Interessen und vor allem individuellen Grenzen der Politisierung, der Bereitschaft und des Verständnisses der Handlungen während der „Lernniederlegung“.

Diese Grenzen bilden sich in einem Gemenge aus verschiedenen gedanklichen und sozialen Historien, unterschiedlichem Startkapital in Bildung, Geld und sozialer Kompetenz und verdichten sich, konsequent zu Ende gedacht, zu dem Befund, dass die „Zwangsgemeinschaft“ der Universität nur durch den gleichen Ort und die gleiche Art der Ausbildung weder eine homogene Interessengemeinschaft, noch eine politisch relevante Klasse, ja nicht einmal ein einheitliches Milieu zu bilden vermag, aus dem heraus eine stabile bildungsorientierte Bewegung entspringen könnte.

Vielmehr zeigt sich, dass die „zwanghafte“ Versammlung des jungen Menschen an der Universität analog zu dem gleichen Vorgang an öffentlichen Schulen verschiedenste gesellschaftliche Klassen zusammendrängt. So scheint es zwar, dass durch sozialpolitische Maßnahmen wie dem BAFöG (das auch noch in jeder Minute des Bezuges den jungen Menschen an seine Pflicht erinnert, einmal einen ordentlichen Beruf zu ergreifen um Gevatter Staat die aufgehäufte Schuld zu vergelten) die materiellen Grundstände der Menschen auf ein Maß nivelliert werden, dass zumindest materiell von einer Studierendenschaft als eigenständiger sozialer Lebensform gesprochen werden könnte, doch die Lebenswirklichkeit stellt sich anders dar: Muss die eine 2 Nebenjobs bestreiten um sich einen erinnerten oder alle Bedürfnisse erfüllenden Alltag zu erhalten und hetzt schon „vor der Zeit“ durch das Leben, kommt der andere mit seinem BMW aus der Innenstadt gefahren, muss dies eventuell mit der väterlichen Fuchtel bezahlen.

Auch die Reproduktion, die ja eine Vorraussetzung einer Bewegung oder einer Klasse sein sollte, gestaltet sich mit der Verschärfung des Studiums zu einem bloßen, meist nicht mehr als 5-jährigem Durchgangsstadium zu Beruf oder Arbeitslosigkeit als nicht durchführbar. Es fehlt sowohl an früheren universitätsspezifischen Vergesellschaftungsformen wie einer progressiven Intelligenz in der Lehre als auch an stabilen, offenen Hochschullisten und Organisationen, die über den Status parlamentarischer Platzhalter für die Minderheit das Studentenparlament wählender Menschen hinausgehen. Auch ändert sich die Zusammensetzung der verschiedenen Schichten und Klassen je nach den Faktoren des jeweiligen politisch-gesellschaftlichen Arrangements.

Die Problematik der fehlenden materiellen und ideologischen Konsistenz und Basis der in engen Hörsälen zusammengepferchten studierenden Menschen berührt dann auch den Begriff des Streiks für die Verweigerung der Befüllung des Kopfes mit der Potenz des meist verkürzten Wissens, einer Potenz, die mit Eintritt in das meist als Ziel erhoffte Berufsleben zu barer Münze und Selbstverwirklichung sich entfalten soll, seltener zu Erkenntnis der sie umgebenden Welt. Ein Streik im ursprünglichen Sinne bedeutet die Niederlegung der Lohnarbeit des Menschen zur Verhinderung von Wertschöpfung, welche bloß durch ihn von Statten gehen kann. Wert wird in der Universität allerdings nur mittelbar über die Ermöglichung qualifizierter, komplizierter Arbeit erzeugt, die in einer arbeitsteiligen Gesellschaft von Nöten ist. Ein Streik müsste schon eine ganze Ausbildungsdauer in Beschlag nehmen um die Wertschöpfung direkt zu treffen, oder einen Abschlussjahrgang ergreifen, zudem müsste er nahezu die ganze Studierendenschaft umfassen: mit Blick auf die obigen Feststellungen schlecht möglich. Aber nicht nur von diesem Blickwinkel aus ist die Bezeichnung als Streik problematisch. Auch birgt er ein Moment falschen Bewusstseins in sich. Wird nicht durch die Bestreikung der mittelbaren Wertschöpfung Bildung als die Ware angesehen, die sie gerade nicht sein soll?

Und wie tief geht also das Verständnis und das Bewusstsein über die Ware, deren Produktion verweigert wird bei den Meisten, die gerade noch bereit wären mitzustreiken und vielleicht sogar die Mehrheit der Streikmasse bilden, die aufgescheucht von Studiengebühren oder abstrusen Auswahlverfahren sich anschließen, aber nach Ermüdung oder Wahlversprechen der neuen Regierung abspringen? Sind es anzuerkennende und legitime persönliche materielle Interessen, allgemein menschliche Bedürfnisse, ist es am Ende nur ein Interessenzusammenschluss, der sich, in Falle der Einlösung der Versprechen durch die Politik verstreut und wieder den Einzelinteressen wider die blinde Naturgewalt der Gesellschaft gegenübertritt? Oder lassen sich die notwendigen Denkprozesse einer Änderung nicht nur der Universitätssphäre, sondern der Gesellschaft feststellen?

Es ist anzunehmen, dass die Kommerzialisierung der Universitäten, der Drittmittelzwang und die Verschärfung der Konkurrenz auch von außen, die Zurückdrängung kritischer Wissenschaften nicht vom Himmel gefallen sind. Vielmehr spiegelt die universitäre Wirklichkeit die wirtschaftlich-soziale der Jetzt-Zeit wider. Und der Illusion, einschneidende, nicht bloß palliative Änderungen an diesem in das totale wirtschaftliche Treiben eingebettete System seien, auch gegen alle studentischen Widerstände auf Dauer erlangbar oder durchsetzbar, ohne die umgebende gesellschaftliche und wirtschaftliche Wirklichkeit zu ändern, haben sich als windige Phantasien sozialpartnerschaftlicher Politikkonzepte erwiesen.

Trotz all dieser Überreflexion und Schwarzmalerei: Durchaus vermögen sich zu gewissen Zeiten große Teile der Studierendenschaft, politisiert durch den äußeren Druck einer Akklimatisierung an ein unausgereiftes Stück ungelungener „Bildungsreformen“, zu einer Art von Bewegungen zusammen zu zwingen, die sich unter den hochschulspezifischen Zielsetzungen der gelb eingefärbten Bildungsstreikbewegung für ein oder 2 Jahre in abweichendem Verhalten des Bildungsstreik oder/und der Universitätsbesetzung ergehen. Doch fallen diese Bewegungen allzu oft entweder der Verschleppung durch die bereits erwähnte Infrastruktur der Hochschulbildung light oder der Verkrustung zu hierarchischen Kreisen anheim, die um die Chimären politischer Deutungshoheit ringen, während sich von Jahr zu Jahr mehrheitlich eben nicht die Forderungen der Studierenden durchsetzen sondern die Kolonisierung der Universität durch Verwertungslogik und Kommerz teils unbemerkt, teils unbekämpft voranschreitet.

Was ist einer neuen Bewegung nicht zu raten sondern dringendst anzuempfehlen? Wie ist den spezifischen Eigenarten des Status der hochschulischen Ausbildung zu begegnen? Der Verweis auf Chile mag hilfreich sein. Die Verbrüderung der subalternen Klassen, zu denen sich ein Teil der Studierenden zählen mag, birgt das Potenzial für die Änderung: das Gemeinmachen des Studenten mit den Opfern der negativen Vergesellschaftung durch die Unvernunft des Kapitals! Das Einreihen und gegenseitige Bilden einer antimonopolistischen, antikapitalistischen Front wider die Widersprüche, die dieses System, und dies sei hervorgehoben, AUCH in der Hochschule aber nicht nur da, hervorruft. Wenn die Vereinzelung als Symptom der Krise auch den Kampf gegen sie nieder hält, wird die rettende Handreichung bald ins Leere greifen und alle sitzen einsam, der Zermahlung durch eine Naturgewalt harrend, die von eigener Hand geschaffen ist.

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